Im Objektblatt für unser Pfarrhaus, das wir in Wendeburg bewohnen, steht "ruhige Wohnlage". Offenbar war der Mitarbeiter des Landeskirchenamtes an einem Tag vor Ort, der eher selten eintrifft: Schulferien und Kindergarten geschlossen wegen sommerlicher Schließzeit. Dann genießen wir und alle Anwohner der Schulstraße tatsächlich die ruhige Wohnlage. Aber ansonsten ist es hier alles andere als ruhig. Von der einen Seite gibt es bei Schulbeginn und Schulschluss eine wahre Rushhour. Manchmal stehen vier Schulbusse nacheinander, dazwischen Kindergarteneltern oder genervte Ampelumfahrer, die ihre Entscheidung hupend bereuen, oder besorgte Elterntaxis, die ihren Kindern wirklich jeden Weg abnehmen wollen. Der Lärm der großen Pausen dringt herüber, und auch auf dem Schulweg unterhalten sich Kinder selten in angemessener Lautstärke.
Noch schlimmer ist in der Hinsicht der Kindergarten, der ein Lärmpotential entwickelt, dass die Regeln der Lärmschutzverordnung oft mal aushebelt. Ich bedaure die Erzieherinnen, die sich den ganzen Tag anschreien lassen müssen, und habe volles Verständnis, wenn sie sich denn auch mal lautstark Gehör verschaffen. Denn was die meisten Kinder beim Spielen im Außengelände verbindet, ist dies: Sie schreien und sie rennen, und das pausenlos. Gut, bei den meisten wächst sich das auf dem Weg zum Erwachsenwerden irgendwann aus. Das Rennen behalten nur die Sportlichen. Beim Schreien ist es aber komplizierter. Manche kommen auch als erwachsene, reife Persönlichkeiten schlecht davon los, wenn sie etwa vom Rand des Fußballplatzes den Schiedsrichter, die eigenen Spieler oder auch den Trainer anschreien. Die Spieler schreien sich gegenseitig an, und wenn es ganz mies läuft, schreien sie zu Hause auch noch die Freundin oder den Hamster an. Fairerweise muss ich zugeben, dass auch bei kultivierten Hallensportarten wie dem Handball lebhaft herumgeschrieen werden kann. Wenn die Emotionen hochkochen und man sich ungerecht behandelt fühlt, schreit man halt rum. Soll man nicht, macht man aber. Den umsitzenden Kindern und Jugendlichen gibt man damit natürlich als gut erzogener Erwachsener ein schlechtes Beispiel. Aber wenn man seine Leidenschaft nie von der Kette lassen kann: Wann, wenn nicht hier?
Ansonsten kennt man Schreihälse von Demos, auf denen für und gegen alles Mögliche geschrieen wird. Redner werden niedergebrüllt, Argumente niedergeschrieen, und sogar im Bundestag kommt es manchmal zu Schreiausbrüchen. Ich denke dann an die Brüllaffen im Pyrmonter Tierpark, die im ganzen Talkessel zu hören sind, wenn sie ihre Brüllphase haben.
Völlig aus der Mode gekommen ist es, zu Gott zu schreien. Nein, nicht anschreien, sondern seine eigenen Gebete mit dem nötigen Nachdruck vor Gott zu bringen. Beispiel: "Ich rufe zu Gott und schreie um Hilfe, zu Gott rufe ich, und er erhört mich" (Psalm 77,2). Wenn der Beter den Eindruck hat, dass Gott sein Bitten nicht erhört, hört sich das ganz ungeschönt so an: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne" (Psalm 22,2). Meistens rechnete der Beter aber doch damit, dass der Gebetsschrei zu Gott durchdringt: "HERR, Gott, mein Heiland, ich schreie Tag und Nacht vor dir" (Psalm 88,2). Auch wenn es etwas Überwindung erfordert: Vielleicht hilft es, wenn wir unsere Gebete mit etwas mehr Nachdruck vor Gott bringen und darauf vertrauen, dass er uns immer erhört. Selbst dann, wenn uns nicht nach Schreien ist, sondern nach Stille und Schweigen.

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